Regeln – Ein Poetry Slam

Dieses Wochenende hatte ich wenig Zeit, darum bediene ich mich eines schon vor einiger Zeit geschriebenen Textes. Ich hatte die Aufgabe, folgende Wörter in einem Poetry Slam zu verbauen: Auspuff, Grundstücksverkehrsgenehmigungzuständigkeitsübertragungverordnung, Kommunikationsüberwachung, Pfandflasche, Lebensversicherungsgesellschaft, Behindertenparkplatz, Nahrungsmittelunverträglichkeit, Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz, Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung und Zapfsäule. Wie zu sehen ist, wurde es mir nicht gerade leicht gemacht… Dieser Text ist daraus entstanden:

Heute muss alles geregelt sein, nur eines ist es nicht: Das Leben.

Wir achten auf so viel – doch warum geht es uns dabei nicht gut. Liegt es an der schlechten Luft, die aus dem Auspuff eines Dieselautos qualmt? Aus einem Kraftwerk kommt mehr – aber wir müssen uns ja aufregen.

Und wenn wir uns aufgeregt haben, müssen wir etwas unternehmen. Wir müssen was beschließen, etwas, das niemals umgesetzt wird. Es befriedigt unser Gefühl – aber macht unser Leben dann doch nicht besser…

Es gibt Worte, die braucht kein Mensch. Es verzweifelt jeder, weil er es nicht kennt. An alle, sagt mir, was ist eine Grundstücksverkehrsgenehmigungzuständigkeitsübertragungverordnung? Wer weiß es? Naja, Google nicht.

Aber wir brauchen sie, ich muss sie hier verwenden. Aber nun mal ehrlich? Wer vertraut noch Google? Ist das nicht alles verspielt? Sind wir keine Marionetten der USA, die mit ihrer Kommunikationsüberwachung der NSA unsere Handys anzapfen? Wohl eher kaum, denn wir leben unser Leben hier und sie dort – und trotzdem regen wir uns auf.

Wir regen uns auf über das Frettchen im Weißen Haus, wir regen uns auf über die Bürokraten in Brüssel, die alles regeln wollen, und wir regen uns auf über das Klima. Und dann wollen wir etwas unternehmen. Genau wie die Bürokraten in Brüssel und unsere Ideen bringen genauso viel – nämlich rein gar nichts.

Die Idee mit der Pfandflasche ist ja schön und gut. Doch die Frage muss erlaubt sein: Ist sie nicht mehr zur Lebensversicherungsgesellschaft der Obdachlosen geworden? Von denen, die wir sonst nicht beachten. Und damit genauso wenig wie die 25 Cent, die wir achtlos wegwerfen und die unsere Meere verschmutzt, wenn sie nicht von armen Schluckern eingesammelt wird.

Und doch ignorieren wir diese Personen in unserer Gesellschaft. MENSCHEN! Menschen, die dort sitzen und nichts haben – außer einen Becher von Starbucks. Ein Unternehmen, welches sie ausbeutet. Und wir ignorieren auch das. Wir ignorieren es genauso wie das Schild eines Behindertenparkplatzes, wenn wir dafür 10 Meter weniger zum Einkaufen laufen müssen.

Und dann kaufen wir Sachen, die keiner braucht. Aber es geht uns gut damit. Wir sind zufrieden, weil ja alles geregelt wurde. Bis wir dann wieder davon hören, dass es einen Skandal mit den Lebensmitteln gibt. So wie jedes Jahr. Es bleibt uns die Frage: Was ist es diesmal? Ei, Schwein, Rind oder Huhn? Und dann sind wir überrascht, dass das Fleisch im Discounter keine hohen Standards hat. Aber doch bleibt eine Freude. Die liebste des Menschen ist nicht die Vorfreude – es ist die Schadenfreude. Die Freude darüber, dass alle nun plötzlich zwei Tage Angst haben. Unbegründete Angst um Körper und Leib, denn die Seele ist schon lange nicht mehr gesund. Nur man selbst hat wieder Glück – der Nahrungsmittelunverträglichkeit sei Dank.

Doch die Regeln schaffen auch einfach Angst oder neue Erscheinungen. Laktoseintolerant oder Veganer, die Auswahl erscheint groß. Ich bin ja selbst nicht besser, ganz sicher nicht famos.

Doch ich bin intolerant: Intolerant gegen rechte Schweine, die hetzen, intolerant gegen die Gesellschaft, die nichts mehr schätzen.

Bei uns ist alles geregelt. Wir leben in einer Welt voller Verbote und Gebote. Unser Fleisch ist uns wichtig – das ist klar. Bitte fair und bio, aber bloß nicht zu teuer – bin ja nicht Krösus und kann mir für mehr als zwei Euro Fleisch leisten. Geregelt ist alles – wir achten auf unsere Tiere. Erst kürzlich kam das Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz – es schützt das Etikett – doch wer schützt die Tiere wirklich? Es werden immer noch Küken geschreddert und 2.000 Tiere passen locker auf hundert Quadratmeter. Bewegung ist sowieso schlecht, essen sollen die Tiere.

Und die Menschen scheinbar auch. Denn wer geht schon noch zum Sport, wenn das Sofa zu gemütlich ist? Wir sind faul. Aber das ist nicht schlimm, denn wir haben für alles Regeln. Das Fernsehprogramm ist unterirdisch, doch es entspricht unserem IQ. Und wenn wir doch einmal vor die Tür gehen, was sehen wir da: Das ist ja alles 3D – es ist 3D und wir haben keine drei Leben, wie auf der Konsole. Doch was wir immer auch haben, das ist ein Auto.

Klar, es ist kein Lamborghini, aber dafür ein (Pause beim Lesen!!!) Fiat 500. Und das ist auch schön, er ist unser ganzer Stolz. Wir fahren ihn in die Waschanlage und haben natürlich auch eine Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung abgeschlossen – Vollkasko, ist klar! Und wir lieben unser Auto und wir lieben unser Leben.

Gut, dass es alle Regeln gibt, da kann doch nichts passieren. Blöd ist nur, dass es zu viele sind. Aber man muss ja nicht alle befolgen – sonst wäre man ja kein Rebell mehr. Und dann rebelliert man gegen diese unnötigen Sachen aus Brüssel, aus Berlin, aus der harten Feder der Mutter. Und man will unbedingt trinken, Drogen nehmen und rauchen – direkt neben der Zapfsäule. Und wenn dann alles in die Luft fliegt – dann stirbt man wenigstens schön – wie in einem echten Actionfilm. Nur das mit dem Aufstehen, kriegt man dann meistens nicht mehr hin.

Geschrieben im Dezember des letzten Jahres, veröffentlicht hier am 11.02.2019